Digital Bodies 4: Resistance and Agency

Ekel als künstlerischer Topos im Spannungsfeld aus Abwehr, Begehren und Angstlust.

Cindy Sherman, Untitled #632, 2010/2023, © Cindy Sherman, Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth

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Künstler*innen nutzen die ambivalenten Erscheinungsformen und Eigenheiten des menschlichen Körpers, um nach der Zukunft des Menschen jenseits überkommener Binäritäten zu fragen. Der abstoßende Körper ist voller virulenter Potenziale, die sich weder eindeutig kategorisieren noch kontrollieren lassen. Er entzieht sich durch seine schiere Präsenz zunehmend derivativer Verwertungs- und Vermarktungslogiken, die nach den algorithmisch gesteuerten Prinzipien des „More of the same“ operieren. Er verweigert sich den Anforderungen kurzlebiger Aufmerksamkeitsökonomien, welche die Entwickler*innen und Hersteller*innen globaler digitaler Produkte in ihre Feeds, Filter und Sprachassistent*innen einspeisen. Eine Handvoll globaler Player in Big Tech und Big Data propagieren eine uniforme Logik des Ästhetischen, Attraktiven und kommerziell Verwertbaren. Wir sind umgeben von einer Flut an Filter-optimierten Instagram- und Tiktok-Faces, deren spezifische Anforderungen sogleich von einem Heer an Hersteller*innen von Dienstleistungen und Produkten aufgegriffen werden, um die auf digitalen Plattformen angeschobene Kette aus Begehrlichkeit und Vermarktung unendlich weiterlaufen zu lassen.

Dem abstoßenden Körper gelingt der Ausbruch aus diesen Zusammenhängen. Er entwirft eine originäre Ästhetik; er lässt sich nicht einspeisen in die neoliberalen Kreisläufe geschlechtlich zugespitzter Begehrlichkeiten und der Kommodifizierung des Körpers. Der abstoßende Körper bleibt abseits des Mainstreams und provoziert durch seine Andersartigkeit und Fremdheit. Er beunruhigt, erschreckt, regt auf.

Prototypen einer alternativen Zukunft

Nahezu grenzenlos scheinen die ästhetischen und inhaltlichen Möglichkeiten des abstoßenden Körpers als Thema der Kunst im Reich generativer antagonistischer Netzwerke, Diffusionsmodelle und künstlicher Intelligenz zu sein. Hier integriert der Ekel auslösende Körper oftmals ein produktives Störmoment: er markiert den Fehler im System, der dieses erst sichtbar macht, und durch seine Fremdheit die Illusion grenzenloser Virtualität empfindlich stört.

Das Künstler*innenkollektiv Crosslucid, im Jahr 2018 gegründet von Sylwana Zybura und Tomas C. Toth, beschäftigt sich mit „kollaborativen, interdisziplinären Projekten in Ko-Evolution mit Technologie“. Ihr KI-Film Dwellers Between The Waters zeigt die Bewohner*innen einer alternativen Welt, denen Kiemen und Tentakel wachsen; die aus dem Wasser geboren sind und sich unaufhörlich und wesenhaft durch alle Elemente hindurch verändern. Crosslucid nutzen künstliche Intelligenz als aktiven Partner dieser Verwandlung, an deren Ende sie futuristische Welten entwerfen, in der binäre Vorstellungen von Hässlichkeit und Schönheit, Utopie und Dystopie obsolet werden, und die anthropomorphe Zentrierung unseres Weltbildes sich auflöst. Crosslucid schaffen „Prototypen einer neuen Welt“, geprägt von einem Bewusstsein, das nicht mehr zwischen Mensch, Maschine und nichtmenschlichen Spezies unterscheidet und spekulative Modelle einer sogenannt „mitfühlenden Koexistenz“ entwirft.

Crosslucid: Dwellers Between The Waters, Forkings: Elastic Fictions", 2023 CROSSLUCID
Crosslucid: Dwellers Between The Waters, Forkings: Elastic Fictions“, 2023 CROSSLUCID

Dabei erzeugen Glitches und Fehler wie ein ungeeigneter Prompt oder Input, der nicht zum Netzwerk paßt, irritierende visuelle Ergebnisse, die als produktive Agenten einer neuen Weltsicht genutzt werden. Die von Crosslucid imaginierte Welt ist in ihrem Kern transgressiv; sie transzendiert und transformiert Genres, Geschlechtsidentitäten und Binaritäten. In Forkings: Elastic Futures schlägt das Gesicht eines so gerade noch als menschlich erkennbaren Wesens Wellen; es scheint sich aufzulösen in etwas, das es zwar schon durchdringt, aber eine endgültige Form noch nicht gefunden hat. Dieser Körper (oder ist es nur eine Anhäufung von Daten, die wir, weil wir nicht anders können, als „menschlich“ interpretieren?) scheint gleichzeitig in alle Richtungen zu zerstieben – und verweist damit auf die Gleichzeitigkeit verschiedener Dimensionen von Realität, Physis, Vorstellungskraft. Aber vor allem ist dieses Wesen ein Symbol für das Phantasma einer umfassenden Metamorphose: es könnte wiedergeboren werden, heilen oder verfallen. Vielleicht ist es bereits auf dem Weg zu einer neuartigen Spezies?

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